Lebensmosaik
Lernen Sie vom Pilz

Christoph Schalk

Das Prinzip Symbiose beruht auf der Tatsache, dass jeder Mensch einzigartig ist. Die Wahrnehmung des Ist-Zustandes, nämlich meines persönlichen Profils im Unterschied zu anderen Menschen, ist der Ausgangspunkt für eine bewusste Ergänzung des eigenen Lebens und Handelns durch andere Menschen mit ihrem ganz besonderen Profil. Daraus entsteht zusätzliches Potenzial: Die Begabungen und Fähigkeiten, die ich mitbringe, ergänzen sich in der Zusammenarbeit mit Kollegen, Teammitgliedern, Familienmitgliedern und Freunden. Unser Vorbild für Symbiose ist der Pilz.

Christoph Schalk, Autor der Neuerscheinung "Empowerment fürs ganze Leben"

Das Wort "Symbiose" ist griechischen Ursprungs und bedeutet "Zusammenleben". In der Natur gibt es viele Beispiele für Lebewesen, die grundverschieden sind, aber so zusammenleben, dass sie sich ergänzen und gegenseitig unterstützen. Bei Pilzen ist Symbiose besonders weit verbreitet. Von Pilzen können wir viel über Ergänzung und Zusammenarbeit lernen, gerade auf der Grundlage, dass wir Menschen verschieden sind – hinsichtlich unserer Persönlichkeit, unserer Gaben und Fähigkeiten, unserer Ziele und vielem mehr. Pilze sind ganz besondere Lebewesen: Nahm man früher an, dass Pilze zu den Pflanzen gehören, so werden sie heute in der Klassifikation neben Tieren und Pflanzen in eine eigene Kategorie eingeordnet. Genetisch stehen sie den Tieren näher als den Pflanzen. Zu ihrem Reich gehören sowohl Einzeller (wie die Hefe) als auch Vielzeller (wie Schimmelpilze) oder die für uns typischsten Pilze, die so genannten Ständerpilze (wie Fliegenpilz oder Steinpilz).

Man vermutet, dass bis zu 90 Prozent aller Pflanzen in ihrem Wachstum von Pilzen gefördert werden. Das geschieht dadurch, dass das Myzel der Pilze (so nennt man ihre feinen "Wurzeln"), die Wurzeln vieler Pflanzen umhüllt und es zu einem Austausch von Mineralsalzen und Nährstoffen kommt. Die Pilze haben nämlich ein Problem: Sie haben – anders als die Pflanzen – kein Blattgrün und können deshalb nicht durch Fotosynthese Stärke und Zucker aus Mineralsalzen bilden. Sie sind für ihr Überleben daher darauf angewiesen, Stärke von Pflanzen zu bekommen. Als Gegenleistung liefern sie den Pflanzen dafür aus dem Boden gelöste Salze. Ein florierender Tauschhandel! Für viele Pflanzen stellt die Lieferung von Salzen quasi eine zusätzliche Düngung dar; für manche ist sie sogar lebensnotwendig, da ihre Wurzeln mit der Zeit zu grob sind, um ausreichend Mineralstoffe aus dem Boden aufnehmen zu können.

Pflanzen und Pilze ergänzen sich also gerade aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit. Die Unterschiedlichkeit macht – im Verbund mit Symbiose – eine weit reichende Spezialisierung möglich. Trotz Unterschiedlichkeit kommt es nicht zum Konkurrenzverhalten, sondern zu einer gegenseitigen Unterstützung.

Das sind zwei wesentliche Punkte, die wir von Pilzen lernen können: Ergänzung statt Gleichmacherei und Ergänzung statt Konkurrenzdenken.

Gleichmacherei

Zwar sind wir alle unterschiedlich und es gibt keine zwei gleichen Menschen auf der Welt. Dennoch ist es in der Realität oft so, dass uns Vielfalt und Unterschiedlichkeit Angst machen. Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft ist nur eine Folge dieser Angst. Aber auch in der Nachbarschaft erleben wir es: Da zieht eine Familie mit mehr als den durchschnittlichen zwei Kindern ein. Da praktiziert ein neuer Chef einen Führungsstil, der anders ist als der bisher gewohnte. Da hat der Pfarrer neue und ungewohnte Ideen für seine Kirchengemeinde. Da praktiziert eine Schule Inklusion und trägt auch den Bedürfnissen von behinderten Kindern Rechnung. Vom Pilz lernen bedeutet, Einheit in Vielfalt zu leben. Vielfalt zuzulassen, bedeutet, mehr erreichen zu können. Dazu brauchen wir Spezialisten, die sich auf die Ergänzung der anderen verlassen können.

In Firmen mit charismatischen Chefs kann man ab und zu beobachten, dass plötzlich auch ein Großteil der Mitarbeiter dieselben Anzüge und Frisuren trägt wie der Chef, dieselbe Automarke fährt, dieselbe Sportart betreibt oder dasselbe ausgefallene Diätkonzept verfolgt. So lange diese Ähnlichkeit nur optischer Natur ist, kann man darüber schmunzeln. Verlegt sie sich aber auf die Arbeitsweise, die Art der Kreativität, die Art des Umgangs miteinander oder Begabungen die man meint haben zu müssen bzw. die man meint unterdrücken zu müssen, wird es kritisch. Denn da, wo nur ein Typus gefragt ist, kommt die gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung zu kurz. Gleichmacherei kann denen, die dem Ideal entsprechen, das Leben leichter machen, aber die anderen stehen alleine da, fühlen sich minderwertig und sind ständigem Anpassungsdruck ausgesetzt.

Konkurrenz

Unterschiedlichkeit und Spezialistentum kann aber auch zu Konkurrenzdenken führen, nach dem Motto: "Ich bin anders, also bin ich besser." Wer so denkt, sieht nur die eigenen Stärken, die für sich alleine genommen unter Umständen aber gar nicht zur vollen Wirkung kommen, sondern erst in der Ergänzung mit vermeintlich weniger wichtigen Fähigkeiten eines Kollegen richtige Durchschlagskraft haben. Elitedenken und Überheblichkeit haben keinen Platz, wenn wir symbiotisch leben. Auch das können wir von den Pilzen lernen. Sie nutzen den Pflanzen, und die Pflanzen nutzen ihnen. Ein Egotrip würde beiden schaden. Eine Scheinsymbiose, die einer Partei schadet, führt letztlich zum Tod von beiden.

Zum Weiterdenken

• Wo erleben Sie Gleichmacherei in Ihrem Umfeld? Welche Motive vermuten Sie dahinter? Was könnten Sie verändern?

• Wo erleben Sie Konkurrenz in Ihrem Umfeld? Welche Motive vermuten Sie dahinter? Was könnten Sie verändern?

Symbiose leben

Bevor Sie sich Gedanken darüber machen, mit wem und in welcher Form Sie Symbiose leben könnten, müssen Sie zunächst wissen, wie Ihr eigener Beitrag aussehen kann. Wo liegen Ihre Stärken? Was können Sie gut? Welche Ihrer Charaktereigenschaften können andere Menschen weiterbringen? Machen Sie sich doch einmal eine Liste mit Ihren Stärken und Begabungen. Bitten Sie im Freundes- und Kollegenkreis um Ergänzungen. Notieren Sie auch vermeintliche Kleinigkeiten. Gehen Sie dabei in Gedanken alle Lebensbereiche durch: Beruf, Freizeit, Familie, Ehrenamt etc. Am Ende findet sich im besten Fall auf Ihrer Liste eine gute Mischung, die von "Ich habe eine Engelsgeduld im Umgang mit schwierigen Kunden" bis "Ich kann gut Kuchen backen" reicht.

Wenn Sie Ihre Begabungen kennen, zögern Sie nicht, sie auch gezielt einzusetzen. Schauen Sie dann bewusst auf Ihr Umfeld und achten Sie auf die Stärken der Menschen in Ihrer Umgebung. Jeder ist einmalig und besonders. Die Unterschiedlichkeit, die dadurch entsteht, lädt uns zur Ergänzung und Zusammenarbeit zum Nutzen aller ein.

Gleichzeitig setzen Sie das Prinzip der Energieumwandlung ein: Dieses Prinzip beinhaltet ja nicht nur die Umwandlung von negativer Energie, sondern auch die Nutzung von vorhandener positiver Energie. Es geht darum, das zu nutzen, was in uns steckt. Auch das Prinzip Vernetzung kommt hier wieder zum Tragen: Während es bei der Symbiose darum geht, wie Unterschiede und unterschiedliche Begabungen zum gegenseitigen Nutzen eingesetzt werden können, liegt der Schwerpunkt bei der Vernetzung darauf, wie unterschiedlich begabte Menschen miteinander in Beziehung stehen.

Tauschen Sie sich mit anderen über die jeweiligen Stärken aus. Das kann sehr inspirierend und befruchtend sein. Menschen mit gleichen Stärken erhalten so zusätzliche Anregungen, wie sie diese noch besser anwenden können. Menschen mit anderen Stärken bekommen Ideen, wie sie sich in ihnen nicht so vertrauen Bereichen weiterentwickeln können. Auch das ist Symbiose: Von der Andersartigkeit anderer zu lernen.

Ressourcen im Team zur Entfaltung bringen

Symbiose hat eine besondere Bedeutung für Gruppen und Teams. Bevor Sie weiterlesen: Welches Team haben Sie vor Augen? Ihre Arbeitsgruppe am Arbeitsplatz, den Elternbeirat im Kindergarten, Ihr Team bei der Tafelausgabestelle etc.?

In der Praxis sieht es aber leider oft so aus, dass sich verschiedenartige Menschen oft ausbremsen. Anstatt sich zu ergänzen und voneinander zu lernen, blockiert man sich gegenseitig durch Gleichmacherei oder Konkurrenzdenken. Teams müssen sich bewusst mit ihrer Unterschiedlichkeit und ihrem Ressourcenreichtum auseinandersetzen, wenn sie die vorhandenen Schätze zum gegenseitigen Nutzen und zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen wollen. Ich werde Ihnen deshalb hier eine praktische Anleitung geben, wie Sie sich in Ihrem Team auf symbiotische Art und Weise mit Ihren Ressourcen auseinandersetzen können.

1. Vorbereitung

• Zielerklärung: Legen Sie in Ihrem Team fest, mit welcher Zielsetzung Sie die folgenden Schritte bearbeiten wollen. Geht es Ihnen um Teamentwicklung im Allgemeinen? Um die Vorbereitung auf ein bestimmtes Projekt? Um gemeinsame Weiterentwicklung in einem bestimmten Bereich? Um die Neubelebung Ihres Teams nach einer Phase der Stagnation?

• Material: Eine ausreichende Zahl Moderationskarten in fünf verschiedenen Farben, siehe unten. Die Farben sind beliebig gewählt und können verändert werden. Außerdem brauchen Sie Wollfäden und weitere Kreativmaterialien (Zeitungen, buntes Papier, Scheren etc.).

• Zeitbedarf: Je nach Gruppengröße sollten Sie mindestens zwei Stunden einplanen, besser mehr.

2. Selbsteinschätzung: Ressourcen und Schwächen

• Jedes Teammitglied erhält drei blaue und drei rote Karten. Auf jeder blauen Karte notiert er oder sie eine eigene Stärke oder Ressource (die einen Bezug zur vereinbarten Zielsetzung hat), z.B. "Kann gut vernetzt denken" oder "Gut im Organisieren" oder "Sensibel und feinfühlig". Auf jeder roten Karte wird eine eigene Schwäche, also ein Bereich mit Entwicklungspotenzial notiert, z.B. "Bei Widerständen schnell entmutigt" oder "Erkläre oft unverständlich" oder "Ungeduldig".

3. Austausch im Plenum

• Der Reihe nach stellt nun jedes Teammitglied in der Gruppe die bei sich festgestellten Stärken und Entwicklungswünsche vor.

4. Fremdeinschätzung: Ressourcen und Schwächen

• Jedes Teammitglied überlegt sich zu allen anderen im Team je eine Stärke und eine Schwäche (mit Bezug zur vereinbarten Zielsetzung) und schreibt sie auf je eine grüne bzw. eine gelbe Karte.

• Dann überreicht jeder nacheinander seine Karten den anderen Teammitgliedern und erläutert die Stärken und Schwächen, die er oder sie notiert hat.

5. Gemeinsame Diskussion: Bestandsaufnahme

• Der Teamleiter moderiert in dieser Phase ein Gespräch über folgende Fragen: Was haben wir bereits, das uns bei der Erreichung unseres Ziels hilft? Was fehlt uns eventuell noch? Welche Ressourcen benötigen wir noch, um als Team unsere Aufgaben gut zu bewältigen und unsere Ziele erreichen zu können?

• Fehlende Ressourcen werden auf weißen Karten notiert (eine Ressource pro Karte). Die Karten werden auf dem Boden ausgebreitet, so dass sie für alle gut sichtbar sind.

6. Entwicklung eines Gesamtbildes

• In der nächsten Phase soll das Team aus allen vorhandenen Karten (blau, rot, grün, gelb, weiß) ein Bild legen – ein Bild des Weges zum Ziel. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Die Karten können im einfachsten Fall in eine Reihenfolge gebracht werden, wie die vorhandenen Ressourcen nacheinander zur Erreichung des Ziels eingesetzt werden können. Sie können aber auch kreisförmig in Bezug zueinander gesetzt werden. Linien zwischen den Karten (Wollfäden!) können Beziehungen ausdrücken. Karten mit Schwächen werden so platziert, dass sie gezielte Veränderungswünsche zum Ausdruck bringen. Gerne können Sie zusätzliche Kreativmaterialien, Zeichnungen, Bilder oder Collagen verwenden.

• Alle Teammitglieder sollen sich in dieser Phase beteiligen. Jeder begründet, was er oder sie zum Gesamtbild beisteuert. Dafür ist natürlich oft eine Diskussion nötig, so dass man sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen kann.

7. Reflexion im Team

• Diskutieren Sie nun die folgenden Fragen: Wie verlief die Entwicklung des Bildes? Wer hat sich stark, wer wenig eingebracht? Welche Kommunikationsmuster wurden sichtbar? Wie ergänzten sich alle in diesem Prozess? Wie gut ergänzen sich alle Teammitglieder im entstandenen Bild? Wo kam Gleichmacherei oder Konkurrenzdenken auf? Wie wurde damit umgegangen? Woher bekommen wir die Ressourcen, die uns noch fehlen?

8. Entwicklung eines Aktionsplans

• Zieldefinition: Wenn Sie jetzt noch einmal auf das Ziel schauen, das Sie eingangs festgelegt haben – kann das so bleiben oder wollen Sie nach den Erfahrungen dieser Übung etwas neu formulieren?

• Nächste Schritte: Jeder überlegt für sich persönlich, was er dazu beitragen kann, dass das Team auf dem Weg zum Ziel einen oder mehrere Schritte vorankommt. Darüber findet dann ein kurzer Austausch in der Gruppe statt.

• Am Ende wird festgehalten, wer was mit wem und bis wann erledigt.

Fazit

Vom Pilz lernen heißt, sich seiner Begabungen und Stärken, aber auch seiner Schwächen bewusst zu werden (Position) und sich dann gezielt von anderen ergänzen zu lassen. So entfaltet sich jeder für sich und alle gemeinsam in einem Team ohne Konkurrenzdenken und Gleichmacherei (Potenzial). Ergänzung bedeutet auch, dass wir voneinander und von unserer Unterschiedlichkeit lernen. Damit schaffen wir die Grundlage für eine optimale Zusammenarbeit mit anderen Menschen, egal in welchem Lebensbereich. So können wir etwas bewegen und beeinflussen unser Umfeld positiv.

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